Abnehmen und dabei satt werden?

Umdenken in der Ernährungsberatung

Von Karl Heinz Bleß

Collage aus drei Fotos: BleßIn der Ernährungswissenschaft hat ein Umdenken eingesetzt. Darauf hat jetzt der Göttinger Ernährungspsychologe Professor Dr. Volker Pudel während einer Fortbildungsveranstaltung in der Kirchberg-Klinik hingewiesen. Wer abnehmen wolle, dürfe sich ruhig satt essen. Statt wie bisher einfach Kalorien zu zählen, sollte man zwischen Fett-Kalorien und Kohlenhydrat-Kalorien unterscheiden: „Kalorie ist nicht gleich Kalorie”, so der Wissenschaftler. „Wer abnehmen will, kann soviele Gummibärchen essen, wie er will“, schockierte er seine Zuhörer.

Gummibärchen enthalten kein Fett, nur Zucker. Da aber Kohlenhydrate (wie Zucker) beim Menschen in der Regel nicht in Fett umgewandelt werden, „verbrennen“ sie im Körper. Nur wenn jemand mehr als 500 Gramm Kohlenhydrate pro Tag esse, würden diese in Fett umgewandelt und im Körper eingelagert. Das könne bei Gummibärchen kaum passieren, „denn da wird einem vermutlich vorher schlecht“. Pudel warnte aber in diesem Zusammenhang vor zuviel Cola (vier bis fünf Liter pro Tag) oder beispielsweise Apfelsaft, weil darin sehr viel Zucker enthalten sei.

Professor Dr. Volker Pudel          Foto: BleßAuch Süßstoff sei keine wirkliche Alternative zum Zucker, ließ der Gastredner aufhorchen. Forschungen hätten gezeigt, dass sich die meisten Menschen, ohne es zu merken, auf andere Weise den Zuckerbedarf doch holten. Pudel: „Es bringt nichts!“

Statt wie bisher propagiert Kalorien zu zählen, sei es wichtiger, die Hauptfettquellen im Essen zu finden und die Fettkalorien zugunsten von Kohlenhydrat-Kalorien zu vermindern. Bei belegten Broten könne man beispielsweise auf Halbfettmagarine ausweichen, statt Butter aufs Brot zu schmieren. Auch statt drei Scheiben Aufschnitt würden oft zwei Scheiben reichen, ohne dass man den Eindruck habe, auf etwas zu verzichten.

„Fett schmeckt, Fett ist toll, Fett ist auch für Übergewichtige kein Problem“, so der Ernährungswissenschaftler, der aus psychologischen Gründen keine Essverbote aussprechen will. Das Problem sei nur zu viel Fett. 60 bis 70 Gramm pro Tag imFoto: Bleß Durchschnitt einer Woche sei das richtige Maß. Dazu könne man Kohlenhydrate essen, so viel man wolle, um satt zu werden. Kartoffeln und Nudeln  - oder eben Gummibärchen - seien nach neuesten Erkenntnissen keine Dickmacher. Wer fettreduzierte Lebensmittel esse, werde abnehmen ohne seine Lebensqualität zu beeinträchtigen. Pudel sprach sich für „eine Fettnormalisierung auf dem Teller“ aus.

Wer unbedingt dick und fett werden wolle, dem empfahl der Göttinger Professor eine möglichst fette Schweinehaxe zu essen und hinterher einige „Verdauungsschnäpse“ zu trinken. Der Alkohol verhindere nämlich zusätzlich, dass der Körper Fett abbaue, weil er zunächst mit dem Alkohol beschäftigt sei.

Immer wieder untermauerte der Redner seine ungewohnten Aussagen mit Forschungsergebnissen aus den USA und auch mit eigenen in Göttingen. Dabei wies er die zuhörenden Mediziner darauf hin, dass sie ihren Patientinnen und Patienten nicht zuviel abverlangen sollten, denn das schlage mittelfristig ins Gegenteil um, weil sie dann schnell frustriert seien und dann aus Kummer äßen. Sie sollten mit ihren übergewichtigen Patienten Verhaltensregeln für einen überschaubaren Zeitraum (eine Woche) verabreden mit einer flexiblen Kontrolle. Und die Ziele sollten nicht zu hoch geschraubt werden.

„Hängen Sie die Latte der Zugeständnisse möglichst hoch, damit Ihre Patienten ein Erfolgserlebnis haben“, riet er. Mit der Zeit könne man die Anforderungen verschärfen, wenn die Patienten die Ziele locker schafften. Letztlich, betonte er, gehe es um eine Verhaltenskorrektur beim Essen für die Übergewichtigen.
 

Zu den Begriffen: Essen oder ernähren?

                           Body-Mass-Index

siehe auch:

Abnehmen – gesund und dauerhaft erfolgreich (von Dipl.-Psychologin Elisabeth Zink)

Wenn alles nicht hilft: Operation
 

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