Das Medikament Lipobay und die Folgen

Von Dr. Karsten Gericke

Am 8. August setzte die Firma Bayer weltweit – mit Ausnahme von Japan  – die Vermarktung des Cholesterinsenkers Cerivastatin, der in Deutschland unter den Markennahmen Lipobay® und Zenas® bekannt ist, aus. Grund waren vermehrte Nebenwirkungsmeldungen über Rhabdomyolyse (Skelettmuskelzerfall) bei Einsatz dieses Medikamentes in Kombination mit dem Cholesterinsenker Gemfibrozil (Gevilon®). Betroffen sind fast ausschließlich Patienten mit sehr schweren Fettstoffwechselstörungen. Nur bei diesen Patienten, die mit einem einzelnen Cholesterinsenker nicht ausreichend einzustellen waren, haben Ärzte die Kombinationsbehandlung mit dem zweiten Präparat Gemfibrozil versucht.

Eigentlich ist eine derartige Kombinationsbehandlung nur Ärzten erlaubt, die über große Erfahrung mit Fettstoffwechselstörungen verfügen und regelmäßige Laborkontrollen durchführen. In der letzten Zeit haben sich aber auch weniger erfahrene Ärzte an die Kombinationsbehandlung herangewagt. Die Rhabdomyolyse tritt sehr sehr selten auf, kann aber lebensbedrohlich verlaufen, wenn die Muskelzerfallsprodukte die Nierenkanälchen verstopfen. Dann wird die Nierenfunktion beeinträchtigt oder sogar ein Nierenversagen ausgelöst. Sollte eine Rhabdomyolyse auftreten, geschieht das normalerweise in den ersten Behandlungswochen.

Patienten, die das Medikament längere Zeit genommen und gut vertragen haben, brauchen die oben genannte Nebenwirkung im Prinzip nicht zu fürchten.

Dennoch muss die Medikation auf ein anderes cholesterinsenkendes Präparat umgestellt werden, weil Lipobay nicht mehr erhältlich ist. Eine ersatzlose Beendigung der Einnahme von Lipobay ist nicht empfehlenswert, da der gefäßschützende Effekt einer cholesterinsenkenden Therapie damit entfallen würde. In einer der wichtigsten und größten Studien der neunziger Jahre – bekannt als 4S-Studie – konnte nachgewiesen werden, dass die Einnahme einer anderen cholesterinsenkenden Substanz, des Simvastatins, bei Koronarpatienten die Sterblichkeit um 30 Prozent senken konnte.

Beide Medikamente gehören zu der Substanzgruppe der Statine, die die übermäßige Cholesterinbildung in der Leber hemmen. Cerivastatin sollte gegen ein anderes Präparat dieser Gruppe ausgetauscht werden. Hier bieten sich mehrere Substanzen an, die schon weitaus länger als das Cerivastatin auf dem Markt und daher ihre Wirkungen und Nebenwirkungen besser erforscht sind. Hierzu gehören der bereits genannte Wirkstoff Simvastatin (Zocor®, Denan®) ebenso wie Pravastatin (Pravasin®, Mevalotin®), die schon seit mehr als zehn Jahren weltweit eingesetzt werden. Cerivastatin hingegen war erst seit drei Jahren zugelassen. Ein Nachteil, den dieses junge Präparat mit anderen relativ neuen Medikamenten gemein hat, ist, dass sehr selten auftretende Nebenwirkungen trotz umfangreicher Studien vor Zulassung des Präparates verborgen bleiben können und erst zu Tage treten, wenn eine große Zahl von Patienten dieses Medikament eingenommen hat.

Muskuläre Nebenwirkungen können grundsätzlich auch bei anderen Statinen auftreten. Dieses Ereignis tritt jedoch selten auf und hinterläßt bei rechtzeitigem Absetzen keinen bleibenden Schaden. Eine sachliche Nutzen/Risiko-Beurteilung wird daher bei fachgerechter Indikationsstellung immer für die Einnahme eines Cholesterinsenkers sprechen. Im Falle des Cerivastatins ist die schwerwiegende Nebenwirkung einer Rhabdomyolyse nach Verlautbarungen der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA jedoch zehnfach häufiger als bei anderen Statinen aufgetreten.

Die Umstellung auf einen anderen Cholesterinsenker kann in der Regel übergangslos erfolgen. Welches Präparat in welcher Dosis sinnvoll ist, sollte im Einzelfall mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Die jüngsten Erfahrungen unterstreichen auch erneut den Sinn einer cholesterinreduzierten Ernährungsweise, da hierdurch die Dosis eines notwendigen cholesterinsenkenden Medikamentes niedriger gehalten und damit die Nebenwirkungsrate verringert werden kann. Und noch ein Trost für alle Mitglieder des Patientenclubs: Die Kombination von Lipobay mit Gevilon, die sich jetzt als so gefährlich erwiesen hat, haben wir noch nie verordnet!
 

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