Herzschwäche und Sexualtität – Ist das ein Problem?

Von Dr. Karsten Gericke

Die sexuelle Aktivität ist neben Essen und Trinken, Urlaubsreisen, geselligem Beisammensein ein wesentlicher Bestandteil der Lebensqualität. Dies betrifft nicht nur junge Leute, es ist auch bei vielen älteren Menschen für das allgemeine Wohlbefinden von Bedeutung. Eine Herz-Kreislauf-Erkrankung muss da kein Hindernis sein. Traditionell spricht man aber eher über seine Ess- und Trinkgewohnheiten oder über die letzte Urlaubsreise, als über seine sexuellen Erlebnisse, Gewohnheiten und Probleme.

Selbst im Gespräch zwischen Arzt und Patient wird dieses Thema oft ausgeklammert, obwohl es bei vielen Erkrankungen durchaus von Bedeutung ist. Viele Betroffene scheuen sich, ihren Arzt auf dieses Thema anzusprechen, und viele Mediziner fühlen sich selbst unsicher, wie sie den Gesprächseinstieg und die richtige Wortwahl finden sollen.

Und die Frage, wie hoch das Risiko der sexuellen Aktivität bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist, war bis vor kurzem nicht sicher zu beantworten. Aus diesem Grund hat sich in England ein Expertengremium zusammen gefunden, um dieser Frage nachzugehen.

Grundsätzlich: Erektionsstörungen (das männliche Glied bleibt schlaff) sind eine häufige, mit dem Alter zunehmende Beeinträchtigung. Bei Männern mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen sie noch häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung:

Erektionsstörungen können den Betroffenen und seine Partnerin erheblich belasten und zu Depression, Angst und Verlust an Selbstvertrauen führen. Manchmal kann eine solche Störung erstes Symptom einer bisher unbekannten Herz-Kreislauf-Erkrankung sein. Eine erfolgreiche Behandlung von Potenzstörungen kann die Lebensqualität des Patienten und seiner Partnerin erheblich verbessern. Die Experten empfehlen daher, dass Arzt und Patienten mit Risikofaktoren regelmäßig über eventuelle Beeinträchtigungen der Sexualfunktionen sprechen sollten.

Welche Rolle spielen psychologische Faktoren?
Psychologische Faktoren tragen häufig zu Erektionsstörungen bei, auch wenn sie nicht immer die Hauptursache sind. Gerade nach einem Herzinfarkt oder einer Bypass-Operation kann die Angst des Patienten oder seiner Partnerin, dass Geschlechtsverkehr einen neuen Herzinfarkt auslösen könnte, ein Hauptgrund für Erektionsstörungen sein. Hier kann ein aufklärendes Gespräch über das tatsächliche Risiko von Geschlechtsverkehr und anderen körperlichen Aktivitäten helfen.

Welche Rolle spielen Medikamente?
Eine Reihe von Medikamenten können dafür verantwortlich sein, dass es mit dem Sex nicht so richtig klappt, insbesondere Blutdruckmedikamente wie Betablocker (5 - 43 Prozent) oder entwässernde Medikamente (4 - 32 Prozent). Es gibt kaum wissenschaftliche Belege dafür, dass ein Wechsel von Medikamenten eine Erektionsstörung tatsächlich bessert. Eine Umstellung ist sinnvoll, wenn ein enger zeitlicher Zusammenhang zwischen Beginn der Medikation und den Erektionsstörungen besteht.

Szene aus dem aktuellen Kinofilm Liebe ist (k)ein RomanWie anstrengend ist Sex?
Geschlechtsverkehr ist für das Herz nicht belastender als eine Reihe anderer alltäglicher Aktivitäten, wie das Heben und Tragen von Gegenständen (9 - 20 kg), Heimwerken, Hausarbeiten oder Golf spielen. Bei einem Belastungs-EKG entspräche das etwa 75 Watt.

Besteht das Risiko, durch Geschlechtsverkehr einen Herzinfarkt zu erleiden?
Das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist bei bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung in den ersten zwei Stunden nach Geschlechtsverkehr um etwa das Dreifache höher als bei Herzgesunden und beträgt damit 30 : 1.000.000. Insgesamt gesehen bleibt dieses Risiko gering. Es muss hierbei jedoch die Ausprägung der Herzerkrankung berücksichtigt werden. Unterschieden werden drei Risikogruppen:

Bei Patienten in der Gruppe mit hohem Risiko muss von Geschlechtsverkehr abgeraten werden. Entsprechend sollten bestehende Erektionsstörungen bei diesen Patienten nicht behandelt werden. Bei Erkrankten in der Gruppe mit niedrigem Risiko ist ein aktives Sexualleben unbedenklich, eventuelle Potenzprobleme sollten behandelt werden. Bei Patienten in der mittleren Risikogruppe sollten weitere kardiologische Untersuchungen das Ziel haben, sie in eine der Gruppen einordnen zu können.

Behandlung der Erektionsstörung bei Herz-Kreislauf-Patienten
Alle gängigen Möglichkeiten der Behandlung von Erektionsstörungen können prinzipiell auch bei Herz-Kreislauf-Patienten angewendet werden. Zu diesen Behandlungsmöglichkeiten gehören Tabletten (Viagra®), die Selbstinjektion (Spritze) der gefäßaktiven Substanz Prostaglandin E1 in den Schwellkörper, die Anwendung von gefäßaktiver Substanz durch die Harnröhre sowie Vakuumpumpen. Die Anwendung dieser Methoden erhöht nicht das Herz-Kreislauf-Risiko, wenn sie korrekt eingesetzt werden. Außer bei den Tabletten ist zu beachten, dass deren Anwendung bei gleichzeitiger blutgerinnungshemmender Behandlung mit Marcumar ein erhöhtes Blutungsrisiko birgt. Viagra® darf nicht angewendet werden, wenn gleichzeitig Nitrate oder ähnlich wirkende Medikamente eingenommen werden. Hiervon sind mehr als 90 unterschiedliche Präparate in Deutschland zugelassen. Die bekanntesten Namen sind Isoket®, Ismo®, Corangin®, Nitrolingual® und Mono Mack®.

Tipp: Befragen Sie wegen der unüberschaubaren Menge hierzu unbedingt Ihren behandelnden Arzt. Die Einschränkungen betreffen neben Nitrosprays und Tabletten übrigens auch die Nitropflaster. Wer diese Einschränkung missachtet, riskiert lebensbedrohliche Blutdruckabfälle. Kurz nach der Einnahme von Viagra darf deshalb im Falle von Angina-pectoris-Beschwerden auch kein Nitrospray genommen werden. Viagra® kann bei Patienten mit Herzkranzgefäß-Erkrankung in etwa 70 Prozent der Fälle die Erektionsfähigkeit verbessern.
 

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