Wenn das Herz aus dem Takt gerät

Bericht von Karl Heinz Bleß

Das menschliche Herz schlägt jeden Tag rund 100.000 Mal. Es sorgt dafür, dass der menschliche Körper mit sauerstoffhaltiger Luft versorgt wird und luftarmes Blut in die Lunge gepumpt wird, um hier Sauerstoff aufzunehmen. Doch kann es zu Störungen des rhythmischen Pulsierens oder Schlagens des Herzens kommen. Herzrhythmusstörungen waren in der Herzwoche 2002 Schwerpunktthema.

Während einer großen Informationsveranstaltung der Kirchberg-Klinik in Bad Lauterberg erläuterte Oberarzt Dr. Karsten Gericke das Prinzip des normalen Herzschlagens, Dr. Gabriele Möller berichtete über die Diagnose, wie ein Arzt Herzrhythmusstörungen erkennt, bevor Dr. Barbara Bialucha-Nebel Tipps gab, wie man sich als Betroffener selbst helfen kann. Schließlich zeigte Chefarzt Dr. Ernst Knoglinger auf, welche Behandlungsmöglichkeiten es in der modernen Medizin gibt.

Wie Dr. Karsten Gericke erläuterte, reagiert das Herz, ein Organ, das fast nur aus Muskeln besteht, vor allem auf leichte Stromstöße. Der Sinusknoten oben am linken Vorhof gibt einen kleinen Stoß ab, der den Vorhof dazu bringt, sich schnell zusammenzuziehen. Dadurch wird Blut in die Herzkammern gedrückt. Kurz darauf gelangt derselbe Stromstoß über den so genannten AV-Knoten an der Scheidewand zuwische Vorhof und Herzkammer und wird über eine Reizleitung an die Muskeln der Herzkammern weitergegeben. Das bewirkt, dass sich die mit Blut gefüllten Herzkammern zusammenziehen und das Blut in die Hauptschlagader drückt und so den Blutkreislauf in Gang hält. Das ganze passiert rund 70 Mal in der Minute, wenn ein Mensch im Ruhezustand ist. Strengt er sich an oder ist er im Stress (Angst, Spannung), erhöht sich der Herzschlag bis auf das Doppelte.

Diesen normalen Herzrhythmus können Ärzte auf mit eine EKG messen und als typische Kurve aufzeichnen. Hat die Herzkurve eine veränderte Form, deutet das auf eine Rhythmusstörung hin.

Wie ein Arzt Herzrhythmusstörungen erkennt, berichtete Dr. Gabriele Möller. Am Anfang steht eine ärztliche Untersuchung und eine gezielte Befragung, etwa nach Herzerkrankungen, nach Medikamenten, die den Rhythmus beeinträchtigen können sowie eine Schilddrüsenerkrankung. Auch eine erbliche Veranlagung kann einen Hinweis geben. Symptome einer Rhythmusstörung sind Schwindel, Bewusstlosigkeit, erhöhter Puls und Luftnot.

Im Labor können Auffälligkeiten im Blut festgestellt werden, etwa ob genügend Sauerstoff im Blut ist, ob Herzenzyme auf einen Herzinfarkt hinweisen und ob genügend Kalium im Körper ist. Auch Schilddrüsenwerte geben dem Arzt wichtige Anhaltspunkte, die Krankheit einzugrenzen.

Die Oberärztin ging auch auf die verschiedenen Möglichkeiten des EKG ein. So ist es sinnvoll, bei unregelmäßig auftretenden Herzrhythmusstörungen ein Langzeit-EKG über 24 Stunden aufzeichnen zu lassen oder ein Belastungs-EKG zu erstellen. Auch kann man über Funk das EKG auf einem Monitor überwachen, wenn eine ständige Kontrolle nötig ist, der Patient aber nicht im Bett bleiben muss. Schließlich wies die Ärztin auf die neue Möglichkeit eines Herz-Handys hin. Damit kann ein Betroffener bei akuten Problemen per Kurzwahl EKG-Daten an ein Herzzentrum übertragen. Gleichzeitig ist der Patient über Satellitenortung zu lokalisieren, falls er sich nicht mehr verständigen kann.

Es gibt verschiedene Arten von Rhythmusstörungen: Man unterscheidet langsame und schnelle sowie normalfrequente Herzrhythmusstörungen, regelmäßige und unregelmäßige Formen, Störungen, die aus dem Vorhof oder aus der Herzkammer kommen. Anhand von verschiedenen Kurven erläuterte die Ärztin, worauf die Auffälligkeiten beim EKG hinweisen. Sie stellte als besonders gefährlich das Herzrasen vor, das aus der Herzkammer kommt und zu Kammerflimmern führen kann. Dann hat das Herz seine Funktion eingestellt und keinen Kreislauf mehr aufbauen kann, was lebensbedrohend ist.

Was kann Betroffener selbst tun? Dieser Frage ging Dr. Barbara Bialucha-Nebel nach. Sie erläuterte zunächst, wie man den Puls fühlt. Dabei kann man einen zu schnellen oder zu langsamen Rhythmus schon ertasten, ebenso einen unregelmäßigen Puls. Dabei kann die Frequenz oder auch die Stärke der Schläge unregelmäßig sein. Ein normaler Puls, erläuterte sie, sind bei Neugeborenen 120 pro Minute, bei 5-jährigen 100 Schläge pro Minute, bei 12-jährigen 85 Schläge pro Minute und bei 16-jährigen 75 Schläge pro Minute. Bei jungen Menschen beeinflusst die Atmung die Frequenz. Auch einzelne Extraschläge des Herzens sind meistens harmlos.

Erhöhter Puls tritt bei Schilddrüsenüberfunktion, Fieber, Blutarmut und Herzschwäche auf, er kann durch Medikamente oder Genussmittel verursacht sein. Erkrankungen wie Gelbsucht, Gehirnerkrankungen oder koronare Herzerkrankungen können den Puls dagegen verlangsamen, ebenso Medikamente wie Beta-Blocker und Digitalis.

Wenn ein Herz aus dem Rhythmus gerät, gibt es einige „Hausrezepte“, die bei einigen Menschen wirken. Die Ärztin nannte als Beispiel ein Glas kaltes Wasser schnell zu trinken, tief und langsam einzuatmen und die Luft anzuhalten und als dritte Möglichkeit tief einzuatmen, Luft anhalten und sie in Richtung Bauch zu pressen. Andere Betroffene gehen einfach in die Hocke, drücken sanft auf die Augäpfel oder massieren eine der Halsschlagadern. Doch wies sie darauf hin, dass solche Rezepte bei dem einen helfen können, der Körper des anderen reagiert aber nicht. Deshalb müsse es jeder selbst ausprobieren.

Zur Vorbeugung gegen Rhythmusstörungen des Herzens sprach sie sich für einen herzgesunden Lebensstil aus, bei maßvollem Alkoholgenuss, regelmäßiges körperliches Training und Verzicht aufs Rauchen. Vorsicht sei auch bei wassertreibenden Medikamenten und Abführmitteln angebracht.

Über Möglichkeiten der modernen Medizin berichtete schließlich Chefarzt Dr. Ernst Knoglinger und berichtete über die Chancen des künstlichen Schrittmachers. „Wenn der natürliche Schrittmacher erlahmt, muss ein künstlicher her“, brachte er es auf eine einfache Formel und erläuterte gleichzeitig, dass ein künstlicher Schrittmacher im Wesentlichen das Herz überwacht. 2 bis 5 Volt Strom brauche ein moderner Schrittmacher, der nur eingreife, wenn das Herz aus dem Takt gerät. „Damit kann man ganz normal leben“, versuchte er die Angst vor Technikabhängigkeit zu nehmen. Von außen könne man auch ohne Operation den Schrittmacher bei Bedarf über eine spezielle Fernbedienung umprogrammieren.

Schlägt ein Herz zu schnell, sind es oft Extraschläge, die den Rhythmus durcheinander bringen. Vorhofflimmern sollte der Arzt nur behandeln, wenn es bei einem kranken Herzen auftritt, denn die eigentliche Pumparbeit gehe ja von den Herzkammern aus, vertrat er einen vorsichtigen Therapieansatz. Das Entscheidende für die Behandlung sei die Grunderkrankung. Warum schlägt das Herz nicht so, wie es soll?

Die ausreichende Zufuhr von Kalium und Magnesium ist wichtig, sagt er. Das könne in der Regel ganz normal über Obst und Fruchtsäfte geschehen. Erst wenn das nicht zum Erfolg führt, sollte man an Medikamente denken. Bremsen können den Puls etwa Beta-Blocker und Arrhythmika, bei denen man aber die Nebenwirkungen beachten sollte.

In den seltenen Fällen, wenn Herzrasen anfallartig auftritt, kann das an zu langen Reizleitungen liegen, die statt die Muskelfasern in der Herzkammer auch die in den Vorhöfen zum Zusammenzucken reizen. Dann gerät der Rhythmus durcheinander. Mit einer Katheterbehandlung ist es möglich, die zu langen Reizleitungen zu veröden und damit ihre Funktion auf ein normales Maß zu kappen. In 95 Prozent aller Fälle sei diese Behandlung erfolgreich, so die medizinische Erfahrung.

Wie der Chefarzt weiter erklärte, ist es bei Vorhofflimmern nötig, dass der Betroffene gerinnungshemmende Medikamente einnimmt, damit sich kein Gerinnsel im Vorhof bildet. In anderen Fällen des Vorhofflimmerns, etwa bei Komplikationen auf der Intensivstation nach einer Herzoperation, ist eine Elektroschockbehandlung unter Narkose Erfolg versprechend. Bei dieser Behandlung, die aus der Notfallmedizin gut bekannt ist, werden bis zu 5000 Volt kurzfristig an den Körper gegeben, der mit heftigem einmaligen Muskelzucken  reagiert. Damit könne man den Herzrhythmus wieder initiieren, erläuterte der Mediziner.

Auf dem selben Effekt beruht der implantierte Defibrator. Ähnlich wie der Schrittmacher kontrolliert er das Herz, gibt aber einen kräftigen Stromstoß, wenn das Herz aufhört zu schlagen.