Körperliches Training selbst bei chronischer Herzschwäche?

Von Dr. Gabriele Möller

Bei Patienten mit Herzkranzgefäßerkrankungen, einem durchlittenen Herzinfarkt, Herzschrittmacher oder Herzoperationen gehört sportliche Betätigung schon lange zur Behandlung  dazu. Der Nutzen eines kontrollierten Ausdauertrainings ist wissenschaftlich belegt. Die Bewegungstherapie wird in der Rehabilitation herzkranker Patienten zur Wiederherstellung der körperlichen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit begonnen und ambulant in den Herzsportgruppen fortgesetzt. Durch die trainingsbedingte Senkung der Pulsfrequenz und des Blutdrucks benötigt das Herz für die gleiche Belastung weniger Sauerstoff. Langfristig kommt es zu einer Verminderung des Übergewichts, zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels bei Diabetikern, zu einer günstigen Beeinflussung der Blutfettwerte, zu einer Verbesserung des Gesundheitsbewusstseins und zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Herzpatienten.

Leichtes Training kann das Herz stärken.Früher galt die Richtlinie, dass sich Patienten mit Herzschwäche, zum Beispiel infolge einer Herzmuskelentzündung oder mehrerer durchgemachter Herzinfarkte, schonen sollten. Man ging davon aus, dass Training die Herzfunktion verschlechtern würde. Auch heute noch steht in manchen Lehrbüchern, dass Patienten mit einer Herzleistungsschwäche sich körperlich schonen sollten.

Inzwischen hat hier ein Umdenken eingesetzt. Seit den 90er Jahren wurden einige Untersuchungen durchgeführt, die die alte Lehre nun verändern. Man ist zu überraschenden Ergebnissen gekommen.

Kürzlich hat eine kalifornische Gruppe von Medizinern der Stanford-Universität eine Untersuchung in der Schweiz durchgeführt. Patienten mit hochgradig eingeschränkter Herzleistung nach Herzinfarkt wurden zwei Monate lang einem kontrollierten körperlichen Training ausgesetzt und ein Jahr lang beobachtet. Die Herzfunktion und -größe wurden vor und nach dem mehrwöchigen Training im Kernspintomographen untersucht. Es kam wider Erwarten zu keiner Verschlechterung der Herzfunktion. Stattdessen sank die Ruheherzfrequenz ab, was eine Entlastung für das Herz bedeutet. Langfristig wurden eine bessere Belastbarkeit und Zunahme der Lebensqualitat beobachtet. Die Herzfunktion selbst wurde leicht gebessert, und die Herzgröße nahm etwas ab.

In vielen Fällen stärkt das Laufband oder das Fahrrad-Ergometer-TrainingIn Leipzig wurde eine Untersuchung unter Prof. Dr. Schuler beendet, die zeigt, dass nach sechs Monaten körperlichen Trainings die körperliche Leistungsfähigkeit der Patienten um 25 Prozent zugenommen hat. Eine italienische Studie hat jetzt sogar einen Rückgang der Sterblichkeit bei chronisch herzschwachen  Patienten belegen können. Es gab 22 Prozent weniger Todesfälle und 19 Prozent weniger Krankenhausaufenthalte in der Gruppe mit Bewegungstherapie. Eine australische Untersuchung kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die erforderlichen Krankenhausaufenthalte dieser Patienten deutlich abnehmen.

Noch fehlen jedoch offizielle Empfehlungen für die Trainingsintensität und Dauer. Um diese herauszufinden, nehmen zur Zeit 36 Patienten an einem Forschungsprojekt am Institut für Sport- und Präventivmedizin an der Universität Saarbrücken teil. Es wird ein kontrolliertes Ausdauertraining mit mindestens viermal pro Woche 30 bis 45 Minuten auf dem Fahrrad unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt. Dieses Projekt wird durch die Deutsche Herzstiftung gefördert.

Aus heutiger Sicht können auch Patienten mit hochgradiger Herzschwäche an einem kontrollierten Trainingsprogramm teilnehmen, wobei eine optimale medikamentöse Behandlung Voraussetzung ist. Ausgeschlossen werden müssen Patienten mit einer so hochgradigen Herzschwäche, dass es bereits in Ruhe zu Luftnot kommt oder deutliche Wasseransammlungen im Körper bestehen. Ungeeignet für ein Training sind außerdem Patienten mit nicht operierten schweren Herzklappenerkrankungen, Herzmuskelentzündung, schweren Herzrhythmusstörungen und Angina pectoris. Bei neu aufgetretener Herzschwäche mit starker Luftnot bereits in Ruhe sollten weiterhin körperliche Schonung und gegebenenfalls Bettruhe eingehalten werden.

Das Trainingsprogramm (Fahrrad-Ergometer- und Gehtraining) muss individuell dem Patienten angepasst werden. Es sollte ein niedrig dosiertes Ausdauertraining mit 50 Prozent der maximalen Belastbarkeit sein. Einige Untersuchungen wurden sogar mit 60 bis 80 Prozent durchgeführt. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt Ausdauertraining auf einer niedrigen Belastungsstufe zwischen 20 und 30 Minuten drei- bis fünf Mal wöchentlich. Man wird mit 12,5 Watt beginnen und entsprechend der Herzfrequenz die Belastung langsam steigern. 70 bis 80 Prozent der maximal erreichbaren Frequenz sollten dabei nicht überschritten werden.

Eine breite Anwendung dieser Trainingsform in den Herzsportgruppen kann noch nicht empfohlen werden, sondern sollte zunächst spezialisierten Rehabilitationseinrichtungen vorbehalten bleiben. Das Ergebnis weiterer Studien ist mit Spannung zu erwarten.
 

siehe auch: Sport treiben trotz des kranken Herzens?
siehe auch: Tennis für Guttrainierte

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